Ein Streitgespräch zwischen Daniela Dahn und Sarah-Lee Heinrich

In der Wochenzeitung der Freitag vom 23. Dezember 2021 diskutieren Daniela Dahn und Sarah-Lee Heinrich miteinander; zwei Vertreterinnen linker Positionen also, die unterschiedlichen Generationen angehören und in unterschiedlichen politischen Systemen sozialisiert worden sind. Nicht unerwartbar geht es dabei auch um das Gendern:

Dahn: […] [I]ch komme aus einer Gesellschaft, in der man das Gendern nicht in die Grammatik verlegte, sondern die Berufstätigkeit von Frauen selbstverständlich war – das Wichtigste für Gleichstellung.
Freitag: Gendern Sie, Frau Dahn?
Dahn: Nein. Das führt nur zu Sexualisierung. Nach der Wende wurde ich von Feministinnen kritisiert, ich hätte eine „maskuline Sprache“. „Ich bin Autor“ – das fand ich emanzipierter, weil es eine Art von Gleichwertigkeit beschreibt, die das Weibliche nicht in eine Substandard-Abteilung auslagert: Es war mir lieber, wenn eine DDR-Frau sagte: „Ich bin Traktorist“, als wenn sie nach der Wende, klüger geworden, sagen musste: „Ich war Traktoristin.“
Heinrich: Das verstehe ich. Gendern ist jedoch eine Frage der Gewohnheit: In meiner Generation denken inzwischen viele nur an Männer, wenn sie das Wort „Autor“ hören.
Dahn: Ich habe nie nur an Männer gedacht, wenn ich so eine Berufsbezeichnung gehört habe. Sondern gleiche Liga, bitte kein Damenprogramm. In modernen Sprachen wie dem Japanischen oder Schwedischen hört man inzwischen auch auf mit diesem unsinnigen Anhängsel.
Heinrich: So sind wir nicht aufgewachsen. Für mich klingt gegenderte Sprache normal, das geht mir flüssig über die Zunge. Aber wenn Frau Dahn andeutet, die Linke tendiere dazu, bestimmte systemische Probleme zu sehr in die Sprache auszulagern – dann kann ich mit dieser Kritik etwas anfangen. Ich komme aus einem Haushalt, der in Armut gelebt hat. Mich mit meiner Mutter darüber zu streiten, welchen Begriff für Berufe sie verwenden soll, kommt mir absurd vor. Ein Hartz-IV-Bescheid, der gegendert ist, hätte uns keine Verbesserung gebracht.“

Dahn macht das gendersensible Formulieren auf seine implizite Gesellschaftskritik transparent: Wo die Gleichberechtigung verwirklicht ist, gibt es die Lücke zwischen Anspruch und Realität nicht mehr, die mit dem Gendern sprachlich spürbar gemacht werden soll. Aber wird daraus – bei Licht besehen – nicht ein Argument für das Gendern? Denn nach Dahn haben sich die gesellschaftlichen Verhältnisse mit der „Wende“ doch zumindest in Bezug auf die „Gleichstellung“ nicht zum Besseren verändert. Ich frage mich aber auch, ob stimmt, was sie hier implizit behauptet: dass die gesellschaftliche Realität in der DDR eine war, die die Frage, ob man als Frau vom generischen Maskulinum mitgemeint war, gar nicht erst aufkommen ließ. Und verdreht es nicht den Sinn des Genderns, wenn als sein zentraler Effekt „Sexualisierung“ – im Sinne von: jemanden einem bestimmten Geschlecht zuzuordnen, ihn also geschlechtlich zu vereindeutigen – angegeben wird (siehe beispielsweise den Artikel von Antonia Baum: Sagen Sie bitte Profx. zu mir)? Gendern zielt doch auf die Abwehr solcher Vereindeutigungen und Vereinnahmungen und damit auf das Schaffen beziehungsweise auf die Erweiterung von Spielräumen und Handlungsmöglichkeiten. Daher ja: „gleiche Liga, bitte kein Damenprogramm“. Und sehr gut gefällt mir auch die folgende Gegenüberstellung, die ich zweimal lesen musste, um ihren Hintersinn zu verstehen: „Es war mir lieber, wenn eine DDR-Frau sagte: ‚Ich bin Traktorist‘, als wenn sie nach der Wende, klüger geworden, sagen musste: „Ich war Traktoristin.“ Das passt zur Bemerkung von Heinrich zum gegenderten Hartz-IV-Bescheid, der den Respekt nur vortäuscht.

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